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Nachruf der Theologischen Fakultät Göttingen

Nachruf auf Lothar Perlitt (2. Mai 1930 - 25. Oktober 2012)

 

Lothar Perlitt, Professor des Alten Testaments an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität seit 1975, ist in der Nacht zum 25. Oktober 2012 im 83. Lebensjahr in Göttingen verstorben. Geboren und aufgewachsen in Berlin, ist seine Jugend von den Ereignissen des zweiten Weltkriegs und sein Studium der evangelischen Theologie in der geteilten Stadt von der Erfahrung des kalten Kriegs geprägt gewesen. Der ihm eigene kritische Blick und das geschärfte Freiheitsbewusstsein haben wohl in dieser Zeit ihre grundlegende Formung erfahren.

 

Die im Jahre 1962 an der Kirchlichen Hochschule in Berlin angenommene und für den Druck im Jahre 1965 umgestaltete Dissertation ist den geschichtsphilosophischen Voraussetzungen und historiographischen Motiven gewidmet, die Wilhelm Vatkes und Julius Wellhausens Darstellungen der Religion und Geschichte Israels bestimmen. Das Werk gibt bereits Charakterzüge zu erkennen, die für Lothar Perlitt prägend geblieben sind: die Vorliebe für eine nüchterne Historiographie in deutlicher Distanz zur Geschichtsphilosophie und der Blick für die Individuen, die Geschichte gestalten. Beides fand Lothar Perlitt bei Wellhausen kongenial realisiert. Die Jahre des Promovierens und Unterrichtens an der kirchlichen Hochschule sind zugleich die Zeit seines pfarramtlichen Dienstes in Berlin gewesen. Die akademische und die kirchliche Tätigkeit sind von Lothar Perlitt Zeit seines Lebens als aufeinander angewiesen betrachtet worden.

 

Die an die Berliner Zeit anschließenden Assistentenjahre in Mainz und Heidelberg haben Lothar Perlitt mit Hans Walter Wolff zusammengeführt. Die beiden, nach Charakter und Überzeugung kaum ähnlich, hat eine enge Freundschaft verbunden, wie sie für Lothar Perlitt sonst eher untypisch gewesen ist. Für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis war Lothar Perlitt längst zu geprägt und ohnehin nicht der Richtige. Es ist am ehesten eine tiefe menschliche Zuneigung gewesen, die auch darin gegründet gewesen sein wird, dass für beide die Kunst wissenschaftlicher Auslegung und die kirchliche Verkündigung selbstverständlich Seite an Seite standen, sowenig ein jeder von ihnen geneigt gewesen wäre, die Tätigkeiten ungebührlich zu vermischen. Aus ähnlichen Gründen hat sich Lothar Perlitt in Heidelberg auch zu Gerhard von Rad hingezogen gefühlt.

 

In den Mainzer und Heidelberger Jahren hat Lothar Perlitt seine Habilitationsschrift über die Bundestheologie im Alten Testament verfasst. Im Jahre 1969 publiziert, hat er damit den seinerzeit beliebten Spekulationen über Bundesformulare, Bundeskult und Bund als theologischer Totalchiffre für das Alte Testament ein argumentativ und stilistisch glänzendes Ende bereitet. Mit diesem Buch ist sein Name in der Forschung verbunden geblieben, und er selbst hat der biblischen Schrift, die in besonderer Weise mit einer bestimmten Bundestheologie verbunden ist, sein weiteres Forscherleben gewidmet: dem Deuteronomium. Seine Auslegung für den "Biblischen Kommentar" ist Lust und Bürde gewesen, die er seit seiner Berufung nach Göttingen im Jahre 1975 nie aus dem Auge verloren hat.

 

In Göttingen ist Lothar Perlitt trotz seiner Vorliebe für Süddeutschland und unter Ablehnung der möglichen Rückkehr nach Heidelberg heimisch geworden. Das gilt für die Universität und die Akademie, die ihn 1982 zum ordentlichen Mitglied berief, wie für seine Beheimatung in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. An der Seite seiner literarischen Einübungen in die Kommentierung des Deuteronomiums und seines Engagements als Herausgeber der "Theologischen Rundschau" haben immer die Beiträge zu den Göttinger Predigtmeditationen gestanden, durch die er vielen beim Predigen geholfen hat. Die in Lothar Perlitt eindrückliche Verbindung von Universität und Kirche hat nirgendwo überzeugenderen Ausdruck und reicheren Ertrag erbracht als in seiner Berufung zum Abt von Bursfelde im Jahre 1981. In Anerkennung seiner Verdienste für die Deuteronomiumforschung hat die Theologische Fakultät der Universität Helsinki ihm im Jahre 1990 die Ehrendoktorwürde verliehen. Lothar Perlitt lässt die Kommentierung des Deuteronomiums unabgeschlossen zurück. Mitten in der Arbeit an den "Zehn Worten" hat seine Suche nach den treffenden Worten ein Ende gefunden.   

 

Ein bisschen pinkisch, der Mann, urteilte eine Adlige über Lothar Perlitt in Berlin um 1960. Andere haben nach 1968 in ihm den knorrigen Konservativen zu erkennen gemeint. Seine Sichtweise hat Lothar Perlitt nie verborgen. Mit seinen pointierten Worten hat er es sich selbst und anderen nicht immer leicht gemacht. Indessen treffen einfache Etikettierungen den Charakter von Lothar Perlitt nicht. Er war ein polemischer und zugleich skrupulöser Geist. Die rauhe Schale umgab nur lückenhaft die Herzensgüte. Lothar Perlitt war ein Suchender. Auf der Suche nach den treffenden Worten für die Grundfragen des Lebens. Nie flogen ihm die Worte zu. Er hat sie erkämpft und erlitten. Die treffenden Worte erwartete er nur bedingt von der wissenschaftlichen Theologie. Deshalb seine Liebe zu seinen beiden Hausdichtern Johann Wolfgang von Goethe und Gottfried Benn. Aber sein Ringen um die treffenden Worte war immer zugleich die Suche nach dem ersehnten, lösenden Wort.

 

Lothar Perlitts Herz hat in der Nacht zum 25. Oktober 2012 seinen Dienst versagt. In Trauer lässt er seine liebe Frau – er undenkbar ohne sie –, seine beiden Kinder mit ihren Familien, eine große Verwandtschaft und viele Menschen zurück, denen er mit seiner Herzensgüte und seiner Suche nach dem Wort nahe war. Ein Großer mit Kanten, sagte ein Kollege, als er die Todesnachricht erhielt. Möge Lothar Perlitt das lösende Wort im höhern Chor schauen.

Studienleiter im eshg

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Herr P. PD. Dr. Michael Emmendörffer
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