Aufgewacht und Angedacht

Aufgewacht und Angedacht entfällt in den Semesterferien. Voraussichtlich ab 4.11. starten wir wieder mit Andachten - digital und analog

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 15. Juli


"Von Himmel zu Himmel"
 

Die letzte Andacht in diesem besonderen Online-Sommersemester wollen wir draußen feiern:

Morgenandacht im Freien
zum Abschluss des Sommersemesters
Mittwoch, den 15. Juli um 8.00 Uhr
anschließend ‚Frühstück to go‘
 

Musik: Annelie von Trotha
und Wiebke Hövermann

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 08. Juli


Freie Unfreiheit

von Gilda Stechhan

Erdbeeren, Kirschen, Freibad. Eis, mit Freunden grillen, lange Abende im Park. Das ist für mich Sommer. Dieses Jahr ist er irgendwie anders. Es ist warm, die Sonne scheint, Erdbeeren und Kirschen gibt es auch. Und trotzdem will sich das Gefühl von Sommer bei mir nicht recht einstellen. Ich habe immer Angst, dass es gleich wieder kalt wird, ich meine Pullis und dicken Socken rausholen muss und im grauen Winterblues gefangen bin. Ich fühle mich manchmal eingegrenzt von den Verboten und Geboten, ich bin unsicher. Frei und unfrei zu gleich, hin und hergerissen zwischen Sommer und Winter. Ich kann kein Ende sehen, und sehne mich doch so sehr nach Normalität.

Da sind Menschen: Hunderte, tausende, die sich nach Freiheit gesehnt haben, nach Selbstbestimmung, nach dem Ende der Sklaverei. Und als diese da ist merken sie: wir sind nicht frei, wir haben einen langen Weg vor uns, der uns durch die Wüste führt, durch Versuchungen. Ein Weg der uns Gesetze aufzwingt und der eine lange Durststrecke für uns bereithält. Da ist ein Gefühl der freien Unfreiheit. Mose führt durch die Wüste, spricht Mut zu, verspricht, dass alles gut wird. Da sind Zweifel an dem Gott, der sie befreit hat und der schon bei ihren Vätern und Müttern war. Die Wanderung ist so lang, da ist so wenig Gutes auf ihrem Weg und irgendwie fehlt das Gefühl von Neuanfang.

1964. USA. Menschen dürfen sich endlich frei bewegen, in Restaurants mit anderen Menschen zusammensitzen, zur gleichen Schule gehen, dieselben Toiletten benutzen. Das war ein langer Weg, ein Weg, der Träumer brauchte und Menschen, die sich trauten, zu sprechen. Die Realität sieht anders aus. Es gibt immer noch Menschen, die die Straßenseite wechseln, die jede Bewegung kritisch beäugen, die nicht antworten, wenn jemand, der sich in einem winzigen Detail von ihrem Weltbild unterscheidet, sie etwas fragt. Menschen gehen auf die Straße, kämpfen um ihre Freiheit, haben in all den Jahrhunderten von Ungerechtigkeit nicht die Hoffnung aufgegeben. Sie wollen diese freie Unfreiheit hinter sich lassen.

Da ist einer, der mich begleitet, der für mich da ist, der mir verspricht, dass es ein schöner Sommer wird; nur etwas anders. Jemand, der mir gut zuredet, der mit mir Eis Essen geht, der auf meinen Spaziergängen neben mir ist, der die Kirschen süßer und die Sonne wärmer scheinen lässt. Der mir Unsicherheit nimmt und mir Freiheit schenkt, wenn ich es zulasse.

Da ist einer, der zu seinem Volk steht, der nicht aufgibt. Immer neue Chancen eröffnet. Der in guten wie in schlechten Zeiten da ist. Der Treue verlangt und Gebote erlässt. Sie sollen ein gutes Miteinander fördern. Sie sollen das Volk, dass im Finstern wandelt zum Licht führen. Sie sind der Wegweiser durch die Wüste. Er begleitet sein Volk immer, egal wo hin, er ist bei ihnen alle Tage. Auch wenn der Weg lang war, hat er immer zu ihnen gestanden, das verstehen die Wüstenwanderer dann auch.

Da ist einer, für den sind alle Menschen gleich, der macht keinen Unterschied. Er schenkt Hoffnung auf Freiheit und Gleichheit. Er sieht die Menschen, nimmt sie in ihrer Verschiedenheit an und verurteilt keinen. Er hält die Hoffnung hoch, dass sich die Welt ändert. Aus 40 Jahren Wüste ist für zu viele Menschen ein sehr langer harter Weg geworden. Aber die Welt ist im Wandel, Plätze werden umbenannt, Statuen gestürzt, da beginnt ein Umdenken. Da ist die Hoffnung nicht verloren.

An einer Schule in Jordanien steht der Spruch: Freedom is a state of mind. Freiheit ist eine Geisteshaltung. Nicht nur von mir, nicht nur im Kopf einer einzelnen Wüstenwanderin, nicht nur im Kopf eines Träumers. Sondern in unser aller Köpfen. Respekt füreinander, die Freiheiten des anderen wahrnehmen und vor allem hoffen, dass da einer ist, der uns alle befreit hat.

Amen.

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 01. Juli


"Du bist ein Gott, der mich anschaut“
von Sandra Beverungen

 

Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.
Jeremia 23,24

Ich unterstütze in Corona-Zeiten eine Familie, indem ich babysitte, damit sie mehr Zeit haben, um auch mal in Ruhe zu arbeiten. Beim letzten Mal kam ich in die Wohnung und hörte nicht wie gewohnt das Kichern meines Schützlings. Entsprechend überrascht sah ich mich suchend um und wurde von ihrem Vater in ihr Zimmer geschickt. Doch auch da war sie auf den ersten Blick nicht zu entdecken; nicht an ihrem Schreibtisch und auch nicht auf dem Teppich, aber dann blickte ich auf das Bett und entdeckte dort einen verdächtig aussehenden Decken-Berg und schnell war ich auf leisen Sohlen an ihrem Bett und begann sie durch die Decke hindurch zu kitzeln, worauf mir lautes Lachen und Quietschen antwortete. Ertappt und gefunden begann dann unsere gemeinsame Zeit.

Als ich die heutige Tageslosung gelesen habe, musste ich daran denken. So wie mein Babysitter-Kind sich vor mir verstecken wollte und dann begeistert kicherte, weil ich sie gefunden hatte, so will sich derjenige, an den sich Jeremia 23 richtet, vor Gott verstecken.

Und ganz ehrlich, das kenne ich auch. Manchmal da weiß ich schon, bevor ich etwas tue, dass das eigentlich nicht so richtig ist. Dann weiß ich, dass meine kleine Notlüge eigentlich besser aufgelöst wäre, wenn ich mich einfach den Konsequenzen meines eigentlichen Verhaltens stellen würde. Dann verletze ich andere oder mich selbst mit meinem Verhalten oder wende mich regelrecht von Gott ab. In diesen Situationen will ich mich dann vor Gott verstecken oder hoffe einfach, dass er gerade einmal woanders hinschaut.

Aber so funktioniert Gott nicht. Wenn ich mich vor Gott unter einer Decke verstecken würde, dann wüsste er sofort, dass ich darunter stecke. Ja, viel mehr noch wüsste er wahrscheinlich auch sofort, weshalb ich mich verstecke und dann schlägt das schlechte Gewissen zu oder ich laufe mit meiner Lüge einfach auf; vielleicht ist es auch wie Karma oder „die Strafe folgt auf den Fuß“ und ich merke anders, dass mein Verhalten so nicht in Ordnung war.

Und dann ist mir nicht nach Kichern und Quietschen zumute, sondern ich habe das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen; um es in irgendwie vorbelasteten Begriffen auszudrücken: Ich fühle mich sündig.

Und eigentlich will ich mich dann sogar noch mehr vergraben, vielleicht unter meinem Bett verschwinden. Aber dass das nicht funktioniert, dafür ist Jona das beste Beispiel. Gottes Blick erreicht uns überall.

Ja, das kann belastend sein und manchmal finde ich es auch unangenehm, wenn ich darüber nachdenke, wobei Gott mich alles schon gesehen haben mag, aber es ist auch so viel mehr und da kommt für mich der Lehrtext des heutigen Tages ins Spiel:

Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.
1.Korinther 8,3

Gott beobachtet mich nicht wie ein Stalker und wartet darauf, dass ich einen Fehltritt mache. Viel mehr kann ich, gerade weil er mich anschaut, auch wieder weitermachen, selbst wenn ich mich sündig fühle.

Ich bin nur ein Mensch und mache nun einmal Fehler und entscheide nicht immer richtig, aber Gott verstößt mich deshalb nicht. Viel mehr kommt er mich suchen und zieht die Decke weg, damit ich immer wieder versuchen kann es besser zu machen und mich zu bessern.

Und dann kann ich vielleicht irgendwie doch Lachen.
Amen.

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 24. Juni

FOLGE MIR (von Nele Krause)

Mt 9,9:

„Als Jesus weiterging, sah er einen Mann am Zoll sitzen. Er hieß Matthäus. Jesus forderte ihn auf: »Komm, folge mir nach!« Sofort stand Matthäus auf und ging mit ihm.“

10 Sekunden Zeit für freie Assoziationen. Das Thema: Worte, die das Leben verändern.

Auf die Plätze – fertig – los:

  • Ja, ich will!“ …  kitschig … aber ist halt so.
  • Sie haben bestanden!“ – Yeeeeha!
  • Der erste Schrei eines Neugeborenen … naja, keine Worte, aber allemal lebensverändernd!
  • Luke, ich bin dein …“ – okay, ich seh‘s ein; jetzt hört´s auf!

Nur zwei Worten brauchte es, um das Leben des Matthäus komplett auf den Kopf zu stellen:

„Folge mir“ – „Sofort stand Matthäus auf und ging mit ihm.“

Ich höre diese Worte und bin berührt.

Ich bin berührt von der Kraft, die die Worte Jesu bergen. Matthäus Reaktion zeigt ihre unmittelbare und lebensverändernde Bedeutung. „Sofort stand Matthäus auf und ging mit ihm.“

Und dann regt sich da Zweifel: Hätte ich ebenso reagiert? Einfach aufstehen und folgen?

Folge mir! → Warum?
Folge mir! → Wie lange?
Folge mir! → Warum ich?
Folge mir! → Wohin?

Da ist kein Zweifeln, kein Hinterfragen oder Sich-Zieren in der Berufungsgeschichte des Matthäus. Er ist ein Mann der Tat.

Er stand auf und folgte ihm.
Er folgte.

Folgen … eigentlich ist folgen doch was ganz alltägliches, quasi Normalzustand heutzutage.

Ich folge zig Leuten; z.B. meinen Musikidolen, Politiker*innen, Influencer*innen und dem Hamster meiner Mitbewohnerin via Instagram, Twitter, Youtube oder anderen Plattformen.

Nur … bewegen tut mich dieses folgen selten – am ehesten noch, wenn ich in der Tram sitze, während ich likes hinterlasse.

Einem Menschen auf seinem Weg zu folgen – ganz „in echt“, ohne Ziel und Richtung zu kennen? Alles und jede verlassen? Von einer Sekunde auf die andere aufbrechen?

Das ist ein folgenreiches „Folgen“, das Matthäus dort schildert.

Die Kraft der Worte liegt bei dem, der sie spricht: Jesus Christus.

Folge mir – ich habe dich gesehen!

Folge mir – vertraue mir!

Folge mir – ich habe dich erwählt!

Ist es das, was Matthäus den Worten Jesu entnahm? Verstand er, dass es um mehr ging, als aufzustehen und einfach nur mit den Füßen nachzufolgen? Hörte er die Zusage, das Versprechen, in Jesu Worten?

„Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“, so spricht Jesus im Johannesevangelium (8,12). Unverbrüchlich gilt uns dieses Versprechen.

Die Nachfolge Jesu erhält ihre Bedeutung nicht in dem, was mensch hinterlässt oder aufgibt, um nachzufolgen. Von Bedeutung ist der Weg, auf den mensch sich begibt.

Folge mir – ich habe dich gesehen!

Folge mir – vertraue mir!

Folge mir – ich habe dich erwählt!

 

„Komm, folge mir nach!“

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 17. Juni

Gedanken zur ‚neuen Normalität‘ (von Alexander Stichternath)

Beinahe 3 Monate sind seit dem Lockdown am 23. März vergangen – 3 Monate, die völlig neu definiert haben, was wir unter ‚Normalität‘ verstehen. 3 Monate, die uns alle gezwungen haben, unsere Gewohnheiten zu ändern und uns an die neue Situation, an die sog. ‚Neue Normalität‘, anzupassen. Viele dieser Anpassungen laufen darauf hinaus, auf Gewohnheiten und Aktivitäten zu verzichten.  
Ich habe mir einmal Gedanken darüber gemacht, was mir im Zuge dieses Verzichts eigentlich am meisten fehlt. Ist es die wöchentliche Chorprobe, die mich auf neue Gedanken bringt und nach der ich am nächsten Tag noch die Melodien der neuen Stücke vor mich hin summe? Sind es die Konzerte, auf die ich gehen wollte? Sind es die regelmäßigen Zugfahrten, die mir ein Gefühl von Struktur geben und die Möglichkeit, meine Gedanken zu sortieren? Oder sind es die ganzen schönen Feste und Feiern im Familien- und Freundeskreis, die aufgrund der Kontaktbeschränkungen ausfallen oder nur im kleinen Rahmen gefeiert werden können?

Ja, das alles fehlt mir. Aber wieso eigentlich? Es gibt doch jede Menge tolle Initiativen und Ideen, um so viel Normalität zu bewahren, wie eben möglich ist: Vorlesungen, Besprechungen und Seminare finden nun eben digital statt; viele Künstler spielen ihre Konzerte aus den eigenen Wohnzimmern. Mittlerweile proben sogar die Chöre zum Teil digital. Und ich habe vermutlich, seit ich 14 war, nicht mehr so viel und so lange mit meinen Freunden telefoniert. Am Wochenende hat ein Freund von mir sogar seinen Junggesellen­abschied unter Corona-Bedingungen gefeiert: Mit vielen verschiedenen Stationen, mit genügend Abstand und mit einigen digital dazugeschalteten Freunden.     
Das alles macht Mut und das alles gibt Kraft. Es zeigt die Kreativität, die Solidarität und den Gemeinschaftssinn, den wir Menschen über all die Umstände hinweg miteinander haben.

Trotzdem – das alles ist für mich eben doch nicht ‚Normalität‘.
Bei den ganzen neuen Formaten fehlt mir die direkte, die verzögerungsfreie Kommunikation. Mir fehlt die aus Rücksichtnahme und Vorsicht zu unterlassende Möglichkeit, seine Freunde und – ganz besonders schlimm – seine Großeltern zu umarmen. Mir fehlt es, sich so tief in ein Gespräch zu verlieren, dass man sprichwörtlich ‚Zeit und Raum‘ um sich herum vergisst. Es sind die Stunden, die ich mit einer guten Freundin und einem oft nicht so guten Rotwein (man kennt es vielleicht: das Etikett sah halt hübsch aus) auf dem Balkon sitze und wortwörtlich über Gott und die Welt rede.
Ich glaube, es ist einfach der ganz direkte, persönliche, eben der nicht-distanzierte Kontakt, der mir in der ‚Neuen Normalität‘ am meisten fehlt. Ich möchte nicht undankbar erscheinen: Ich bin wirklich sehr froh, dass wir die technischen Möglichkeiten haben, uns über große Distanzen miteinander zu unterhalten und miteinander in Kontakt zu bleiben. Trotzdem ist es einfach nicht ‚dasselbe‘. Es mag ganz profan erscheinen, aber: Mir fehlt zum Beispiel die Möglichkeit, sich bei einem digitalen Gespräch wirklich gegenseitig in die Augen zu schauen – das geht nämlich per Videochat nicht. Man kann entweder auf seinen eigenen Bildschirm oder in die eigene Kamera schauen – nicht beides zugleich. Für mich ist das nur eines unter vielen sinnbildlichen Zeichen dafür, dass digitale Kommunikation die analoge Kommunikation eben doch nicht völlig verlustfrei ersetzen kann.

Dabei zeigt die Corona-Krise und unser Umgang mit den digitalen Alternativmedien doch vor allem eins: dass wir Menschen in erster Linie kommunikative Wesen sind. Darum habe ich die große Hoffnung, dass uns diese Krise letzten Endes zeigt, was uns wirklich wichtig ist. Wirklich wichtig ist mir der Kontakt zu Menschen, der persönliche Austausch und das gemeinsame Miteinander.


Was ist dir wirklich wichtig?

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 10. Juni

Gedanken zu Matthäus 6,5-15 (Anne Dill und Charlotte Scheller)
 

Hinweis: Die Audio-Andacht wurde für den Sonntag Rogate angefertigt und ursprünglich veröffentlicht unter:
https://christophorus.wir-e.de/aktuelles/111963
Wir bedanken uns, dass wir die Andacht hier verwenden dürfen!
 
Prolog 
Vater unser im Himmel. - 
Ja? - 
Unterbrich mich nicht. Ich bete! 
Aber Du hast mich doch angesprochen. Du willst ein Gespräch mit mir beginnen. Also, worum geht’s? - 
Geheiligt werde Dein Name.
Meinst du das ernst? Meinen Namen heiligen. Was bedeutet das denn für dich?
Ich weiß nicht, was es bedeutet. Woher soll ich das wissen?!
Es heißt, dass ich dir sehr viel bedeute und dass dir darum auch mein Name wertvoll ist. – 
Ich verstehe. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden… -
Tust Du was dafür? – 
Dass Dein Wille geschieht? Natürlich! Ich bin für den Frieden. Und gegen die Umweltverschmutzung! – 
Nur mit Worten? Ist das nicht ein bisschen wenig, wenn es wirklich anders werden soll in der Welt? –
Na, bin ich vielleicht der liebe Gott?!  Du solltest
was dafür tun, dass Dein Reich kommt!
Das tue ich auch. Zum Beispiel unterbreche ich Dich bei Deinem Gebet.  
 
I. Und was willst Du damit erreichen?
Ich dachte immer, Beten ist wichtig. Und jetzt unterbrichst Du mich ständig. Früher, wenn wir bei meiner Oma waren, haben wir vor dem Essen gebetet. Aber nur sonntags. Warum weiß ich nicht. Vielleicht weil der Sonntag der Feiertag ist. Und Gebet irgendwie heilig. 
Auf jeden Fall war ganz klar: Beim Gebet sprechen alle mit. Keiner macht Faxen oder klinkt sich aus. Und jetzt bete ich und dauernd bringst Du mich raus, Gott! 
Ich dachte, Du freust Dich, wenn ich zu Dir bete. Und außerdem: Von Dir und Deinem Reich ist hier oft nichts zu merken. Also, Gott, Dein Reich komme!
- - -
Hm. Jetzt kommt nichts mehr. Also kein Widerspruch. Und auch kein Reich.
Naja. Ist ja vielleicht auch ein bisschen viel verlangt. Selbst Jesus wusste nicht, wann es kommt, das Reich Gottes. Seine Königsherrschaft. Da, wo alles gut ist. Wo keiner mehr weint. Wo keiner mehr Schmerzen hat. Die Gemeinschaft mit Gott ist da vollkommen. Menschen aus allen Enden der Erde kommen zusammen. Keiner streitet mehr. Sondern: alle sitzen gemeinsam um einen Tisch und essen. So schreibt es der Evangelist Lukas. Das stelle ich mir sehr schön vor. Dann muss man gar nicht mehr beten vor dem Essen, so wie damals bei meiner Oma. Dann sitzt Gott ja schon mit am Tisch.

Aber zurück zu Jesus. Der wurde mal gefragt: „Wann kommt denn das Reich Gottes?“ Man hat wohl erwartet, dass er sagt: „Morgen.“ Oder: „In drei Tagen. Fünf Monaten. In 10 Jahren.“ Ein konkreter Zeitpunkt eben. Aber Jesus hat gesagt: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter Euch. Es kommt nur nicht so, dass man es beobachten kann. Man kann nicht sagen: Hier ist es, oder: Da ist es!“
Also manchmal ist mein Leben ziemlich grandios. Dann komm ich mir vor wie im Paradies. Zum Beispiel im Urlaub mit meiner Familie. Oder als ich eine Woche ganz allein Fahrrad gefahren bin quer durch Deutschland. Nur Luft, Natur, mein Fahrrad und ich. Oder wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen bin und wir eigentlich gar nichts machen außer Rumalbern. Geheimnisse teilen. Spielen und Lachen.

Aber an anderen Tagen ist es so gar nicht schön. Ich streite mit meinem Bruder. Ärgere mich über meine Nachbarin. Bin unehrlich. An manchen Tagen fließen Tränen. Ich hab Sehnsucht oder Kummer. 
Dann ist gar nicht alles gut. „Gott, lass es wieder gut werden“, denke ich dann oft. Dein Reich komme! Auch zu mir. Gerade zu mir. Die Höhen und die Tiefen gehören dazu zu meinem Leben. Das weiß ich. Es ist nicht vollkommen. Gottes Königreich – das muss noch kommen.

Mir fällt Luther ein. Der hat mal gesagt: „Gottes Reich kommt. Auch ohne unser Gebet. Ganz von selbst. Aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns kommt.“
Das wünsch ich mir ja gerade: Dass Dein Reich auch bei mir ist, Gott! Dass ich merke, Du bist da. Dass ich weiß, ich bin geborgen bei Dir. Auch, wenn es so gar nicht himmlisch ist. Du hältst fest an mir – das möchte ich von ganzen Herzen glauben. Darum bitte ich Dich: Ich brauch Dich, Gott! Dein Reich komme!

II. Geheiligt werde dein Name. Der Vers geht mir nicht aus dem Kopf. Das Lied kenne ich seit meiner Konfirmandenzeit. Und das Vaterunser. Es gehört zu meiner Grund-ausstattung als Christin. Ich kann es überall beten. Draußen, wenn ich die Glocken läuten höre. In jeder Kirche. Als ich auf den Philippinen war, habe ich überhaupt nichts verstanden vom Gottesdienst. Irgendwann merkte ich, jetzt beten sie das Vaterunser. Ich habe es in meiner Sprache gebetet und war Teil der Gemeinde. Und sogar in Zeiten, in denen ich gar nicht beten kann, tut es gut zu wissen, andere beten für mich mit.
 
Geheiligt werde dein Name. Vielleicht ist das der Satz, der mir am fremdesten ist. Ein Kehrvers, nicht die Strophe. Das Schleierkraut, das den Strauß auffüllt, nicht die Lilien und Rosen und was ihn sonst kostbar macht. Aber jetzt geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Ernst Arfken, Pastor und Musiker in Göttingen, hat in den fünfziger Jahren die zweite Bitte zum Refrain für alle Bitten gemacht. Gar nicht meditativ, eher wie ein Aufstampfen in einem Tanz. Geheiligt werde dein Name! Der Melodie liegt wirklich ein Tanz zugrunde aus Mittelamerika. Calypso. Das Gebet Jesu tanzen? 
 
Heilig ist Gott. Im jüdischen Kaddisch-Gebet heißt es: „Erhoben und geheiligt werde Sein großer Name auf der Welt, die nach Seinem Willen von Ihm erschaffen wurde. Gelobt sei Er hoch über jedem Gesang, jeder Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde.“
 
Langsam komme ich dem Vers auf die Spur. Im Gebet ordnen sich die Verhältnisse. Ich bin nicht die Macherin, ich bin ja Teil von Gottes Schöpfung. Und die Geschöpfe loben ihn schon dadurch, dass sie da sind. Allerdings Gott beim Namen zu nennen, würde nach alter Vorstellung bedeuten, ich will Macht über ihn gewinnen. Dabei geht alle Macht vom Schöpfer aus. Und auch jeder Trost, den jemand einem andern zusprechen kann. 
 
Wie sollen wir beten, fragen die Jünger. Und Jesus schreibt die Anleitung neu. Wir dürfen Gott beim Namen nennen. Vater, sagt Jesus, eigentlich „Papa“. Das ist zu seiner Zeit keine übliche Anrede für Gott, es ist ganz familiär. Er sagt „Unser Vater“ und zieht mich in diese enge Beziehung mit hinein. Ich bin Teil der Familie, Gottes Kind wie er. Wir alle dürfen den Heiligen so nennen, denn Er hat uns in Jesus Seinen Namen genannt und hat sich damit bestürzend in unsere Hände gegeben. Aus der Herrlichkeit im Himmel ist er auf die Erde herunter gekommen. Er ist dem Unheil nicht aus dem Weg gegangen. Er hat Bekümmerte getröstet und Schuldbeladene geheilt. Er hat getanzt und gefeiert. Er hat vollkommen unschuldig gelitten. Er ist gestorben und ins Grab gelegt worden und von Gott auf-erweckt worden zum ewigen Leben. Gott ist nicht mehr unverfügbar. Der Allmächtige hat sich festgelegt auf den Namen Jesu Christi. Was wir den Vater im Himmel bitten in Jesu Namen, wird er uns geben. Nicht damit wir groß rauskommen. Sondern damit Sein Name bekannt wird bei allen Menschen. 
 
Geheiligt werde dein Name. Der Kehrvers zu allen Bitten. Allen Vorhaben. Allen Zielen. Ob ich die Welt retten will oder bloß meinen Nächsten um Vergebung bitten. Ob ich mich um das tägliche Brot sorge, um das ewige Leben oder um die gerechte Verteilung der Hilfsmittel in Corona-Zeiten. Ich kann mich nur hineinstellen in das Gebet Jesu. Gott lässt ohne
mein Zutun Sein Heil verkündigen. Amen. 
 
Gebet am Sonntag Rogate
HERR, guter Gott,
in diesen außergewöhnlichen Umständen und Zeiten 
vermissen wir Dich, unseren Vater,
Wie sehr fehlt uns jetzt Deine ordnende Hand, 
Deine Weitsicht, Deine Liebe und Gnade
Und Dein väterlicher Trost;
diese ruhige Stimme, die uns sagt: 
„Ich bin bei Dir, mach Dich nicht verrückt“.
Wir bekennen: Wir brauchen Deine Schöpfungskraft und Allmacht in dieser Krise mehr denn je.
 
Jesus Christus, unser HERR,
Hier und jetzt in der Welt regiert die Angst, 
aber Du hast die Angst überwunden
Lass uns daraus Zuversicht und Mut schöpfen, für andere zu bitten:
Für die, die nicht arbeiten können oder dürfen, 
deren Existenz in Gefahr ist,
die in Quarantäne bleiben müssen, 
die krank sind. 
Für die, die nicht besucht werden dürfen,
denen Homeoffice und Haushalt und Hauslehrersein über den Kopf wachsen.
Schenke Kraft, Hoffnung und Zuversicht für jeden Einzelnen.
 
Lieber Vater im Himmel,
in Deinem Heiligen Geist sind wir alle vereint 
trotz Sperren und Einschränkungen
Wir finden Trost in Dir 
und in den Menschen und Umständen, 
die Du uns zur Seite stellst.
Lass uns durch diesen Trost froh werden 
und dadurch Zuversicht gewinnen für die kommenden Zeit.
Was uns im Innersten bewegt, quält oder umtreibt,
das bringen wir voller Vertrauen
in der Stille vor Dich:
[…]
Vater unser im Himmel…

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 03. Juni

#wirsehenPfingstrot - Spurensuche nach dem Heiligen Geist - Pastorin Almuth Wiesenfeldt

Ein Baum, der ein Blätterdach über mir spannt.
Der alte Milchtopf meiner Oma.
Der Rucksack für den Kindergarten.
Die Erdbeermarmelade auf dem Frühstückstisch.
Die Klappkiste.
Mein roter Regenschirm.
Ein Arbeitsblatt für die Konfis.
Das Rücklicht am Fahrradanhänger.
Der Aufkleber auf dem Paket mit den Seifenblasen.
Die Saftflaschen in der Speisekammer.
Das Rotweinglas auf dem Tisch.
Ein Verbotsschild.
Das Auto der Nachbarn vor der Tür.
Die Schaukel auf dem Spielplatz um die Ecke.
Das Hinweisschild an der Tür: „Ziehen“.
Das Flatterband beim OpenAir-Gottesdienst.
Der Tomatensalat.
Ein Schlüsselanhänger.
Meine Schuhe.
Der Feuerlöscher im Gemeindehaus.
Die Äpfel in der Küche.

In den letzten Tagen habe ich viele Fotos gemacht.
Von Dingen, die rot sind.
Auf Instagram hatten vier Pastorinnen dazu aufgerufen:
Macht Bilder von roten Dingen und postet sie unter #wirsehenPfingtsrot.

So eine Aktion eben, dachte ich.
Machst du mal mit. Ist ja auch witzig.
Und im Moment gibt es so viel Stressiges, da kommt das gerade recht, so eine Ablenkung.
Ob es jetzt so geistlich wird, ist ja auch nicht so wichtig.
Und es ist unglaublich, wo es überall rot gibt.
Auf einmal siehst Du es überall.
Autos, Schilder, Feuerlöscher.
Mülleimer, Nagellack. Lippenstift.
Rot, überall Rot.
Nicht nur, weil Pfingsten ist.
Es springt ins Auge. Leuchtet, macht aufmerksam und fröhlich.
Ich bin überrascht, wo ich Rotes finde.
In meiner Wohnung, in der Kirche,
auf dem Weg in den Wald.
Eine rote Spur zieht sich da auf einmal durch mein Leben.
Und wenn ich etwas Neues entdecke, dann muss ich lächeln.
Schon wieder! Hach! 

Je mehr ich den roten Dingen auf der Spur bin, desto mehr Zusammenhänge entdecke ich auch.
Auf einmal merke ich, wie es mit dem Geist zu tun hat.
Unter den roten Blättern des Baumes fühle ich mich geborgen, höre den Wind rauschen.
Meine Oma fällt mir ein, als ich den Milchtopf sehe.
Wie sie mir immer heißen Kakao gemacht hat, wenn ich traurig war.
Der Rucksack, mit Proviant für den Weg. Die leichten und auch die schweren Wege.
Das Schild an der Tür erinnert mich an Türen, die sich aufgetan haben, wenn ich glaubte, alles sei
festgefahren.
Das Flatterband beim Gottesdienst, das eigentlich abtrennen soll und doch auch verbindet, weil auf beiden Seiten des Bandes Gottes Wort gehört wird.
Die Liste ließe sich ewig weiterführen.
So ist Ruach, glaube ich.
Seit Gott diesen Geist in die Welt ausgegossen hat, ist eine Spur gelegt.
Mal deutlich und klar und feuerrot,
mal eher versteckt und verhalten, so dass ich sie suchen muss.
Vielleicht erst hinterher begreife: „Da ist Gott mir begegnet.“

Unsichtbar, und doch vor aller Augen. So zeigt sich mir Ruach in diesen Tagen.
Weht, wo und wann sie will, spürbar, sichtbar.
Wo Menschen miteinander verbunden sind.
Wo diskutiert wird über das Wesen Gottes. Am Küchentisch, oder in der Uni.
Wo Liebe geteilt wird, wo Menschen zusammen sind, im Namen des Dreieinigen.
Gottes Geist führt zusammen, verbindet und tröstet.
In diesem Jahr, unter „Corona-Bedingungen“ brauche ich diese Botschaft mehr denn je.
Das wissen: Gottes Geist verbindet uns, gerade dann, wenn wir uns nicht so wie gewohnt begegnen.

Wenn wir keine Hände reichen und uns nur auf Abstand sehen können.
Dann spüre ich einmal mehr, dass Gottes Geist da ist und uns dennoch verbindet.
Durch sein Wort und seine Liebe. Durch die Spuren, die Gott in meinem Leben hinterlässt.

Frohe Pfingsten!

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 27. Mai 2020

Andacht für den 27. Mai 2020

Auf und davon!?

von Roman Vielhauer

Auf und davon! Eben noch waren sie mit ihm zusammen. Freuten sich über seine Auferstehung. 40 Tage voller guter Gespräche. Voller Hoff­nung. Auf eine bessere Welt. Eine andere Welt. Gefüllte Zeit. Erfüllte Zeit.

Plötzlich ist er weg. Auf und davon. Emporgehoben, in einer Wolke ver­schwunden. Und sie, sie stehen bedröppelt da. Trauen ihren Augen nicht. Schauen in den Himmel und fragen sich: Wo ist er hin?

Er kommt oft in die Kirche. Nicht zum Gottesdienst. Da findet er sich nicht so zurecht. Aber unter der Woche. Immer wenn er ein wenig Ruhe braucht. Zeit zum Nachdenken. Über sich selbst. Über sein Leben. Zum Glück ist die Kirche geöffnet. Das alte Gebäude flößt ihm jedes Mal wieder Respekt ein. Die alten Mauern. Die farbigen, spitzbogigen Fenster. Wenn die Sonne scheint, leuchten sie hell und bunt. Wie aus einer anderen Welt. Wie viele Menschen hier wohl schon ein- und ausgegangen sind? Getauft und getraut wurden? Gesungen und gebetet haben? Durchbetete Räume. Der Begriff fällt ihm wieder ein. Hat er mal gehört. Gibt es das? Durchbetete Räume? Er weiß es nicht. Aber er weiß, dass er hier zur Ruhe kommen kann. Er geht nach rechts und bleibt vor der Schale mit Sand stehen. Zündet eine Kerze an und denkt an seine Tochter.

Etwas lustlos ist sie zu der Hochzeit mitgekommen. Schließlich sind es ja nicht ihre Freunde. Außerdem hat sie mehr als genug zu tun. Kann sich diesen Wochenendausflug zeitlich eigentlich gar nicht leisten. Nur noch einen Monat bis zum Examen. Und dann? Die Aussicht, danach in der Kanzlei ihres Vaters mitzuarbeiten, findet sie nicht so wirklich prickelnd. Klar. Gemachtes Nest. Eigentlich total super. Aber irgendwie hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Nicht so vorgezeichnet. So absehbar. Aber undenkbar, das ihrem Vater zu sagen. Der würde ausrasten. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.Der Trauspruch. Der Pastor ist bei der Ansprache an­gekommen. „Strukturen, die Furcht einflößen, die sind nicht von Gott.“ Sagt er. Ihre Gedanken schweifen ab. Strukturen, die Furcht einflößen… Sie musste es ihrem Vater sagen.

Der See liegt friedlich da. Die Sonne verwandelt ihn in einen glitzernden Teppich. Jetzt, am Morgen, ist er am liebsten hier unterwegs. Alles noch so still und unberührt. Ein Entenpaar marschiert über den Weg, im Schlepptau die Jungen. Er läuft an ihnen vorbei. Langsam kommt er auf Betriebstem­peratur. Spürt, wie Laufrhythmus und Atmung zusammenfinden. Gedan­ken kommen und gehen. Er fühlt sich schwerelos. Frei. Eins mit sich und seiner Umwelt. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmt ihn. Runner’s High, Läuferhoch. Nennt man das. Hat er mal irgendwo gelesen. Aber könnte es nicht auch sein, dass sich hier ein anderer zu Wort meldet? Kontakt mit ihm aufnimmt?

Wo ist er hin? Auf und davon? Was steht ihr da und seht zum Himmel? Er ist mitten unter euch! Ihr müsst ihn nur entdecken!

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 20. Mai 2020

Andacht für den 20. Mai 2020 (Götz Brakel)

Psalm 31 (V2-6,8-9,16a, Lutherbibel 2017, auch im EG 716)

HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!
Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.
Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.
In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!  Meine Zeit steht in deinen Händen.

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Shutdown – Heruntergefahren. Wir haben das jetzt schon seit gut neun Wochen durchgestanden und das Leben heruntergefahren. In den ersten Wochen war kaum etwas möglich: Zu Haus bleiben bis auf Einkaufen, Spazierengehen, Arztbesuche und ein bisschen Unterwegssein mit dem Rad oder dem Auto. Draußen durften wir auf Abstand nur eine Person treffen, die nicht in unserem Haushalt wohnt. Nun geht wieder mehr: Gottesdienste, die Restaurants dürfen öffnen, und wir hoffen auf Sommerurlaub.

Diese Wochen bedeuteten immer zu Hause zu sein, für viele Homeoffice, Videokonferenzen und Gespräche nur am Telefon. Besuch von außen haben wir nicht gesehen, wir waren unter uns in der Familie oder eben alleine. Stattdessen haben wir die eigenen Wände angeschaut, haben aus dem Fenster geguckt und diverse Bildschirme betrachtet. Leben heruntergefahren bis fast auf den Nullpunkt. Die Gründe dafür kennen wir, und unsere Disziplin hat wohl auch Menschen das Leben gerettet.

Als Pastor in Stade hatte ich am Schreibtisch zu tun: Ich stelle derzeit ein Journal unseres Kirchenkreises zusammen, schreibe Andachten, die wir per Mail versenden, telefoniere mit Konfirmanden und Konfirmandinnen und rede mit ihnen über ihren Konfirmationsspruch und und und. Weniger als sonst, aber immerhin hatte ich Aufgaben. Aber trotzdem spürte ich Leere, und zwischendurch habe ich das heruntergefahrene Leben kaum ausgehalten. Jeden Tag musste ich ein bisschen ausgebrochen und wollte Leben sehen: Bäume, Tiere, Himmel und Menschen aus Fleisch und Blut. Ich bin viel häufiger als sonst einkaufen gewesen und bin mit dem Rad herumgefahren, um die Stadt und die nähere Umgebung zu erkunden.

Zu Ostern und bis zum 8. Mai hat der Landkreis Stade dann sogar noch die großen Elbstrände gesperrt, um den Tourismus aus Hamburg auszusperren. Schon zu normalen Zeiten bin ich mindestens einmal in der Woche an der Elbe, um den Blick über das Wasser zu genießen. Nach Ostern zu Hause brauchte das, habe mich in das Auto gesetzt und bin achtzig Kilometer an die Nordsee gefahren. Nahe an Cuxhaven, im Wurstener Land, kann man an einigen Stellen über den Deich fahren und ist dann direkt am Wattenmeer, so auch in Cappel-Neufeld. Am Strand gibt es einen kleinen Hafen mit ein paar Fischerbooten, einen Spielplatz, der natürlich geschlossen war, und es gibt den weiten Blick aufs Wasser. Als ich angekommen war, habe ich erst einmal tief durchgeatmet. Frische Luft für Lunge und Seele (s. Bild).

Als ich auf das Wattenmeer geguckt habe, ist mir eine Passage aus einem Buch in den Sinn gekommen, das mich einmal sehr beeindruckt hat: Als ich Mitte Zwanzig war, …, hatte ich eine Stellung als »Experte« für moderne Malerei in einer bekannten Auktionsfirma. Wir hatten Verkaufsräume in London und New York. Ich war einer von den cleveren jungen Leuten. Es hieß, ich hätte eine große Karriere vor mir, wenn ich meine Trümpfe nur richtig ausspielen würde. Eines Morgens wachte ich auf und war blind. Im Laufe des Tages konnte ich auf dem linken Auge wieder sehen, aber das rechte blieb trüb und umwölkt. Der Augenarzt, der mich untersuchte, sagte, organisch sei alles in Ordnung, und diagnostizierte die Ursache des Übels. »Sie haben Bilder aus allzu großer Nähe betrachtet«, sagte er. »Warum tauschen Sie sie nicht gegen ein paar weite Horizonte?« (Bruce Chatwin: Traumpfade, 1992, S. 36)

Shutdown, in den vergangenen Wochen gab es so viel Bilder nur noch aus nächster Nähe. Hier hatte ich nun die weiten Horizonte. Dazu ein kleiner Bagger, eine alte Lok mit Birkenästen auf dem Anhänger, die später sie zur Orientierung in den Wattboden gesteckt werden. Es war auch diese kleine Familie da, die wie ich auf das Meer und die untergehende Sonne guckte. Hier war Leben und Durchatmen. Hier war Weite nach all den Wänden und Bildschirmen, die ich in den letzten Wochen angestarrt habe.

Der 31. Psalm spricht diese Sehnsucht nach Weite an: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Unser Leben mag heruntergefahren sein, es gibt den weiten Raum. Wir können tauschen. Statt der vielen Bilder, die wir aus allzu großer Nähe betrachtet haben und die uns den Blick trüben, gibt es die weite Perspektive. Wir sehen das Meer, können auch noch hochgucken und haben den weiten Blick in den Himmel.

In den Himmel zu blicken geht nicht nur an der Nordsee, das geht sogar auf dem Balkon oder vom Küchenfenster aus.

Ich hoffe, dass Lockerungen nicht wieder die Lage verschlechtern und es nun dabeibleibt, so dass wir wieder kleine Schritte in die Welt hinein unternehmen dürfen. Der Psalm spricht dieses Bedürfnis an: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Aber mit unserem Glauben bekennen wir sogar noch mehr. Es gibt auch Situationen in unserem Leben, da kommen wir nicht mehr auf die Beine, können vielleicht sogar den Blick nicht mehr heben, und alle Fenster, durch die wir gucken könnten, sind verdunkelt. Leben heruntergefahren bis ganz Unten. Heruntergefahren – im Glaubensbekenntnis, das wir in unseren Gottesdiensten sprechen, bekennen wir die Hoffnung, dass wir dort nicht allein gelassen sind. Jesus ist dahingegangen, wo es nur noch Dunkelheit herrscht: „… hinabgestiegen in das Reich des Todes, …“

In der Bibel ist von diesem Herunterfahren Jesu im engeren Sinne nirgendwo die Rede, aber die frühe Christenheit hat diese Verse so gedeutet: „Christus ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, … (1. Petrus 3,18b.19). Jesus fährt herunter dahin, wo es nur noch eng, tief und dunkel ist. Das ist eine weite Perspektive und eine große Hoffnung, die wir haben.

Shutdown, das Leben um herum wird allmälich wieder hochgefahren. Aber in unserem Leben wird sicherlich auch mal wieder Situationen gehen, wo es bergab geht und sich verfinstert. Halten wir uns an den Satz aus dem 31. Psalm: Meine Zeit steht in deinen Händen. Amen.

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Die Musik, in der ich wie kaum in einer anderen Weite spüre, ist das Adagio for Strings von Samuel Barber.

Hier ist es zu hören: https://youtu.be/izQsgE0L450

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Gebet am Morgen:

Gott,
die Stille des Morgens umfängt mich
der Frieden einer sorglosen Nacht klingt nach in mir
Bleibe bei mir, wenn es nun Tag wird,
bleibe bei mir, auch wenn meine Seele unruhig wird,
bleibe bei mir, auch wenn ich kämpfen muss,
bleibe bei mir, auch wenn ich enttäusche.
Sei du das Licht meiner Wege,
der gute Klang meiner Seele,
dass ich frei bleibe in dir und neugierig bin auf diesen neuen Tag. Amen.

 

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 13. Mai 2020

Freunde: Himmel auf Erden. Mittwochsgedanken von Anne Dill

(Audiodatei:)

Kindergarten, erster Tag:
Ich steh am Fenster 
Und schau hinaus,
Hinter mir fremde Gesichter, 
Gespenster,
Um mich herum Radau.
 
Doch dann kommst Du 
Und nimmst meine Hand,
Ein Stück Himmel auf Erden
Und so fing es an.
 
Das Zimmer ist dunkel,
Ich ohnmächtig vor Zorn,
Boxe ins Kissen,
Will wissen:
Hat er kein Gewissen?
Das war fies und gemein!
Doch ich hab‘ Glück und bin nicht allein.
 
Denn Du bist da
Und nimmst meine Hand,
Ein Stück Himmel auf Erden
Und die Wut ist verbrannt.
 
Examen bestanden,
Es ist geschafft.
Ich komme nach Hause,
Hab kaum noch Kraft.
Schaue nach oben
An meiner Tür ein Ballon
Und das Treppenhaus wird Tanzsalon.
 
Denn ihr seid da 
Und nehmt meine Hand.
Himmel auf Erden,
Vor Freude Atembeschwerden,
Zwischen uns ein unsichtbares Band,
Auch Freundschaft genannt.
 
Als Geschenk ein Picknick am See,
Ein Bad im Meer morgens um sieben,
Drei Stunden verquatscht mit Tee,
Man muss Euch einfach lieben!
 
Gott, Du warst da
All die Male und nahmst meine Hand.
Freunde – ein Stück vom Himmel auf Erden,
Gott, Dir sei Dank!

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 06. Mai 2020

‚Systemrelevant‘ ist eines der Worte, wenn nicht das Wort der Stunde. Daran, ob und wie systemrelevant eine Tätigkeit oder ein Beruf ist, hing in den letzten Wochen, ob ein Geschäft geöffnet bleiben durfte oder eine Arbeit weiter zu erledigen war und den Kindern allen Schließungen zum Trotz eine Notbetreuung in der KiTa zustand. Das ändert sich im Moment langsam wieder, zum Glück. Das Leben ist mehr als das, was für das Leben des Staates zweifelsohne eine volkswirtschaftlich und infrastrukturell bedeutende Rolle spielt. Bildung und Kultur, Freizeit und Sport, ja auch Urlaub und Shopping, Feste und nicht zuletzt gemeinsam Gottesdienst feiern machen das Leben – in aller gebotenen Vorsicht noch – erst lebenswert.

Trotzdem war und ist es gut, dass so auch einmal Licht auf Krankenschwestern und Altenpfleger, auf Müllwerker und Kassiererinnen, auf Erntehelferinnen und LKW-Fahrer fällt; Berufe, die sonst nicht im Rampenlicht stehen, unserer Gesellschaft aber den hohen Lebensstandard und die Sicherheit des Zusammenlebens erst ermöglichen. Hoffentlich wird das im Respekt und in der Bezahlung nicht nach dem Abflauen der Krise wieder vergessen!

Um etwas, was ‚systemrelevant‘ für den Glauben, für den ganz persönlichen Glauben ist, geht es im Evangelium für den Sonntag Jubilate:

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,1.4.5)

Die Bibel kennt starke Bilder. Jesus nutzt hier das einleuchtende Bild der engen Verbindung von Weinstock und Reben, von Frucht und Lebensströmen. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“: Wie die Reben auf den Weinstock angewiesen sind, so bekommen seine Jünger, so bekommt seine Gemeinde die Lebenskraft von ihm. Nur aus dieser Verbindung heraus wachsen und reifen Früchte.

‚Systemrelevant‘ ist es. Natürlich ist christliches Leben mehr als das. Was wäre es, was wäre diese Welt, wenn wir nicht selbst zu packten? nicht auch selbst für einander da wären? nicht selbst Verantwortung übernähmen? nicht uns am Leben freuten und miteinander feiern würden (irgendwann, wenn es wieder unbefangen geht)?

Aber wie die Reben den Weinstock brauchen, so brauchen wir Jesus Christus. Ihn, der uns mit seinem Leben und Sterben und Auferstehen der Liebe Gottes gewiss macht. Wie schnell vergessen wir das unter dem, was wir tun oder tun müssten oder zu tun unterlassen haben! Und vergessen dann Gott und den Nächsten und uns selbst zu lieben.

Denn Liebe kann nur aus empfangener Liebe fließen. Deswegen lasst uns an Jesus bleiben.

Bleiben Sie behütet!

Pastor Peter Borcholt

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 29. April 2020

Audio-Andacht:

"Humanity must be in humans"


Marokko - Einmal (nur) hin und zurück.

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 22. April 2020

„Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde und nehmt sie in Besitz! Ich setze euch über die Fische im Meer, die Vögel in der Luft und alle Tiere, die auf der Erde leben, und vertraue sie eurer Fürsorge an.« (Gen 1,28)


Dieser Vers aus dem 1. Schöpfungsbericht gehört zu den bekanntesten und am häufigsten zitierten Versen des Alten Testaments. Neben dem Mehrungsauftrag beinhaltet er den sog. Herrschaftsauftrag. Damit ist die Beauftragung an den Menschen gemeint, die Erde ‚in Besitz zu nehmen‘, das heißt: über sie – verantwortlich! – zu herrschen.

Immer wieder wurde und wird dieser Vers dazu herangezogen, um eine absolute Herrschaft des Menschen über die ihn umgebende Welt zu begründen. Nicht selten geschieht diese absolute Herrschaft ohne Rücksicht auf die Welt selbst, d.h. auf die Natur und die nicht-menschlichen Lebewesen, für die sie ebenso den Lebensraum darstellt, wie für den Menschen. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten ist demgegenüber das Bewusstsein dafür gewachsen, dass der Herrschaftsauftrag des Menschen nur dann in seiner tieferen Bedeutung verstanden ist, wenn er den Menschen zu einer verantwortungsvollen Herrschaft mit der ihm anvertrauten Welt anleitet.

Manch einer mag darin eine Beschränkung der menschlichen Freiheit sehen. Wenn der Mensch zum Herrscher über die Welt bestellt ist, wieso sollte diese Herrschaft dann hinterrücks wieder eingeschränkt werden? Wenn der Mensch nicht über eine absolute Freiheit verfügt, so mag ihm die vorhandene Freiheit nur wie ein bloßer ‚Spielraum‘ erscheinen, innerhalb dessen er zwar frei entscheiden kann, der aber nur einen kleinen Teil der überhaupt möglichen Freiheit abdeckt.
Diesem Gedanken wohnt allerdings ein problematisches Verständnis des Menschen und seiner ihm schöpfungsgemäß zukommenden Freiheit inne. Der Mensch ist nicht allein dadurch Mensch, dass er sich der Welt gegenüber frei und von ihr unabhängig verhalten kann. Seine eigentliche Freiheit besteht darin, innerhalb der Ordnungen und Gefüge der Welt das Wort Gottes hören zu können und sich zu diesem zu verhalten. Im Hören auf das Wort Gottes begegnet dem Menschen Gott als dasjenige Gegenüber, im dem der Mensch sich selbst als Person völlig und unmittelbar erschlossen wird. Darin erst – in der Freiheit des Menschen als eines von Gott Angesprochenen – erschließt sich das eigentliche Verständnis der menschlichen Freiheit.

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 15. April 2020

Geschichten zum Festhalten

Zwei Wochen hat sie ihrem Buchladen gegeben, als sie ihn Mitte März geschlossen hat. Zwei Wochen, was sonst, ohne Rücklagen? Sie wusste nicht, wie sie ihre zwei Mitarbeiterinnen zahlen sollte. Was ihr in diesen Tagen noch nicht so klar war, dass die Welt gerade auch in Corona-Zeiten erträglicher wird, wenn man ihr für ein paar Seiten entfliehen kann: Wann sonst wollen Menschen Geschichten hören oder lesen, wenn nicht jetzt?!

Immer wieder klingelt das Telefon, obgleich ihr Laden geschlossen ist. Die Menschen wollten reden über ihre neue Lebenssituation, ja, und dann natürlich auch Bücher bestellen. Die einen wünschen sich von Albert Camus „Die Pest“, um die gegenwärtige Situation auf einer tieferen, philosophischen Ebene zu verstehen. Eine andere Kundin bestellt Krimis von Patricia Highsmith, gleich drei auf einen Schlag. Wieder andere wünschen sich einen Roman mit Happy End und viel Gefühl. Es ist immer eine Frage des Timings. Wie froh wäre man jetzt über ein wirkliches Happy End?!

Wenn die Bücherstapel geschnürt und die Rechnungen geschrieben sind, stopft der Sohn der Buchhändlerin aus München sie in seinen Rucksack und schwingt sich aufs Fahrrad. So finden die Geschichten ihren Weg zu den Menschen.

Ja, Geschichten zum Festhalten, die haben jetzt Hochkonjunktur. Und manchmal sind es gerade die alten Geschichten, die uns neu begegnen und neu zu uns sprechen – auch die aus der Bibel.

Eine dieser alten Geschichten steht am kommenden Sonntag im Mittelpunkt. „Die Freunde Jesu aber waren versammelt und die Türen waren verschlossen aus Furcht…“ So beginnt der Evangelist Johannes (Kapitel 20 Verse 19-29) eine seiner Ostergeschichten. Ängstlich und sorgenvoll sitzen sie zusammen. „Was soll aus uns werden?“, so werden sie sich gefragt haben. „Wie geht es weiter? Was sollen wir tun? Woran können wir (noch) glauben?“

Viele haben in diesem Jahr das Gefühl, ein ganz anderes Ostern gefeiert zu haben. Es fand hinter verschlossenen Türen statt. Zu Hause. Im engsten Familienkreis oder sogar alleine. Die Kirchentüren blieben verschlossen, zumindest für das gemeinsame Tischabendmahl am Gründonnerstag oder die Osternacht, in der man der aufgehenden Sonne entgegen singt.

Und zugleich wachsen die Sorgen um den alten Vater im Heim, den niemand besuchen darf, um den Arbeitsplatz oder die Finanzierung der eigenen vier Wände, die Sorge um den Schulabschluss oder das Prüfungssemester. Und einigen fällt schlicht die Decke auf den Kopf.

Eigenartig. Bei näheren Lesen wird auf einmal deutlich: So sehr hat sich das Osterfest in diesem Jahr gar nicht unterscheiden von den Erfahrungen an diesem ersten Abend nach der Auferstehung, von der Johanes erzählt. So wie immer wieder Menschen feststellen, dass sie durch die gegenwärtigen Erfahrungen auf einmal einen ganz anderen, tieferen Zugang zu den Geschichten der Bibel bekommen.

Geschichten zum Festhalten: Jesus kommt in die Runde hinter den verschlossenen Türen. Er verwandelt Einsamkeit, Sorgen und Schmerzen in einen Neuanfang. Verwandelt Enge in Weite.

Ihnen und Euch wünsche ich eine gesegnete Osterzeit!

Susanne Kruse-Joos

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 08. April 2020

"He may hold you in the palm of his hand"

In der vergangenen Woche ist mir der Psalm 91 zugesprochen worden. Mich rührt an, wie der Psalmist das reale Unheil weder klein redet noch ignoriert, in dessen Angesicht er blickt. Und dass er nicht trotzdem, sondern gleichzeitig Stärkung findet. Die Bedrohung ist real, die Krankheit ist real, das Leid ist real. Doch der, bei dem der Psalmist Zuflucht findet, ist es auch – auch er ist real. Wie sehr sprechen diese Zeilen das Erleben Vieler in diesen Tagen!

 "Ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.” (Ps 91,15b LUT)

Das Musikerduo Shane & Shane aus Dallas (Texas) hat die Zeilen des 91. Psalms vor einigen Jahren vertont (s. Video oben).

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 01. April 2020

ein semikolon PNG Entworfen von Jason aus <a href="https://pngtree.com/">Pngtree.com</a>


Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde geplagt. PS 116,10

Überall auf der Welt lassen sich Menschen finden, die sich ein Semikolon unter die Haut tätowieren haben lassen. „Das Semikolon wird genutzt, wenn ein Autor seinen Satz eigentlich hätte beenden können, aber gewählt hat, es nicht zu tun.“ Es ist ein Mantra, Durchzuhalten, eine Erinnerung an überstandene Kämpfe, ein Zeichen von Solidarität. „Der Autor bist du und der Satz ist dein Leben“, erklärt das Semicolon Project, das Menschen helfen will, die mit negativen und zerstörerischen Emotionen kämpfen. Auf der Homepage finden sich Hilfsangebote und Informationen für Suizidprävention und psychische Gesundheit. „Deine Geschichte ist nicht vorbei“ heißt es dort. Ein Semikolon als Tattoo oder Kettenanhänger rettet keine Leben, aber es kann helfen; manchen hilft es Mut zu fassen, manchen hilft es Ansprechpartner zu finden, manchen hilft es mit dem öffentlichen Schweigen zu brechen. Kunstvoll wird das Semikolon in Wörter wie L;ebe und L;cht eingezeichnet oder in das englische bel;eve - ich glaube. Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde geplagt. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein – so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.“ (Ps 139)

EG 361, Befiehl du deine Wege

Bildnachweis: ein-semikolon png from pngtree.com

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 25. März 2020

„Sicherheitshinweis! Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!“ Wie oft habe ich diese Durchsage auf Bahnhöfen gehört und dann ist es mir doch passiert: Ich bin unterwegs nach Berlin zu einem großen Geburtstagsfest. Auf dem Bahnhof kaufe ich ein paar Blumen für die Freundin, bei der ich übernachten will. Fürs Bezahlen stelle ich kurz meine Reisetasche ab, und als ich wieder danach greifen will, ist sie weg. „Nee, das kann jetzt nicht sein!“, schießt es mir durch den Kopf. „Da hat bestimmt nur jemand das Gepäck verwechselt!“ Aber die Umstehenden, die ich anspreche, zucken nur unbeteiligt mit den Schultern. Langsam sickert es durch: Die Tasche ist wirklich weg! In Gedanken gehe ich durch, worauf ich nun verzichten muss: Mein Lieblingskleid. Die neuen Schuhe. Das Geburtstagsgeschenk, das ich selbst gemacht hatte… Es kommt Einiges zusammen. Wütend und ärgerlich über mich selbst, setze ich alles dran, die Tasche wiederzubekommen. Rede mit dem Mann am Infoschalter. Gehe zur Bahnhofspolizei und gebe eine Verlustanzeige auf. Doch irgendwann beschließe ich, das Ganze anders zu sehen und mich auf die ungeplante Situation einzulassen. Zum Glück erspart die Freundin, bei der ich zu Gast bin, mir Spott und dumme Sprüche und öffnet stattdessen ihren Kleiderschrank: „Hier, ich habe genug. Such‘ dir aus, was du brauchst!“ Es wird eine kleine Kleidertauschparty und dankbar nehme ich an, was sie mir aushilfsweise zur Verfügung stellt.

Eine Ausnahmensituation von viel größerem Ausmaß durchleben wir in diesen Wochen. Eine Passionszeit der besonderen Art. Auch wenn man nichts sieht und den meisten nichts fehlt: Die Lage ist bedrückend und wird es wohl noch eine ganze Weile bleiben. Verzichten müssen wir dabei auf Dinge, die wesentlicher sind, als der Inhalt eines Koffers. Wie lange soll das gehen?! Und trotzdem zeigt sich auch unter - gerade jetzt – die Fähigkeit sich einzulassen auf diese neue Wirklichkeit; kreative Kräfte und Mitgefühl helfen uns dabei: Flashmob mit Applaus und Gesang am offenen Fenster für alle, die pflegen. Freie Krankenhausbetten in Leipzig für Corona-Patient*innen aus Italien. Du selbst lernst, eine Videokonferenz zu machen. Kochst mittags wieder selbst - geht ja, weil du zuhause arbeitest. Du telefonierst endlich mit dem Großvater im Heim. Deine Ängste kannst du dir angucken, dafür ist jetzt Zeit. Du sehnst dich nach deinem Alltag – hättest du das gedacht?

Das alles mitten in der Passionszeit. Der Sonntag, mit dem diese Woche begann, hat den Namen: Lätare – Freut euch! Das kleine Osterfest mitten in der Passion, so wird er oft genannt. Ein kleines Ostern – mittendrin in allem Schamassel, der uns zu schaffen macht. Aufatmen. Aufbrechen. Klarkriegen, was jetzt zu tun ist: Ein schönes Bild um zu fassen, was wir erleben.

Bleibt behütet und bewahrt!
Eure Susanne Kruse-Joost

Gebet

Gnädiger Gott, ich sehne mich nach Normalität.
Nach einem Handschlag, einer Umarmung, einer Berührung.
Lass mich nicht zu lang warten, Gott, hörst Du? Danke.  –
Gott, ich trau mich kaum, es zu sagen.
Aber ich bin auch froh, dass es so anders ist jetzt.
Das Leben fühlt sich friedlicher an als sonst: Freundlicher, langsamer, weniger hektisch.
Für diese Erfahrung danke ich Dir. Und ich bitte dich: Hilf mir dabei,
in meinem Herzen zu bewahren, was ich neu sehen lerne in diesen Tagen. Amen.
(Pastor Johannes Ahrens, Flensburg)

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Susanne Kruse-Joost
Tel.: 0551 49990-32
Mobil: 01775694238

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