Aufgewacht und Angedacht

Neues Format: Aufgewacht und Angedacht!

Die alternative Morgenandacht in Zeiten von Social Distancing.

Jeden Mittwoch Morgen findet ihr hier einen neuen Impuls für euren Start in den Mittwoch. Dies kann eine Kurz-Andacht sein oder ein Video, ein Bild, ein Gebet - die Möglichkeiten sind vielfältig.


 

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 27. Mai 2020

Andacht für den 27. Mai 2020

Auf und davon!?

von Roman Vielhauer

Auf und davon! Eben noch waren sie mit ihm zusammen. Freuten sich über seine Auferstehung. 40 Tage voller guter Gespräche. Voller Hoff­nung. Auf eine bessere Welt. Eine andere Welt. Gefüllte Zeit. Erfüllte Zeit.

Plötzlich ist er weg. Auf und davon. Emporgehoben, in einer Wolke ver­schwunden. Und sie, sie stehen bedröppelt da. Trauen ihren Augen nicht. Schauen in den Himmel und fragen sich: Wo ist er hin?

Er kommt oft in die Kirche. Nicht zum Gottesdienst. Da findet er sich nicht so zurecht. Aber unter der Woche. Immer wenn er ein wenig Ruhe braucht. Zeit zum Nachdenken. Über sich selbst. Über sein Leben. Zum Glück ist die Kirche geöffnet. Das alte Gebäude flößt ihm jedes Mal wieder Respekt ein. Die alten Mauern. Die farbigen, spitzbogigen Fenster. Wenn die Sonne scheint, leuchten sie hell und bunt. Wie aus einer anderen Welt. Wie viele Menschen hier wohl schon ein- und ausgegangen sind? Getauft und getraut wurden? Gesungen und gebetet haben? Durchbetete Räume. Der Begriff fällt ihm wieder ein. Hat er mal gehört. Gibt es das? Durchbetete Räume? Er weiß es nicht. Aber er weiß, dass er hier zur Ruhe kommen kann. Er geht nach rechts und bleibt vor der Schale mit Sand stehen. Zündet eine Kerze an und denkt an seine Tochter.

Etwas lustlos ist sie zu der Hochzeit mitgekommen. Schließlich sind es ja nicht ihre Freunde. Außerdem hat sie mehr als genug zu tun. Kann sich diesen Wochenendausflug zeitlich eigentlich gar nicht leisten. Nur noch einen Monat bis zum Examen. Und dann? Die Aussicht, danach in der Kanzlei ihres Vaters mitzuarbeiten, findet sie nicht so wirklich prickelnd. Klar. Gemachtes Nest. Eigentlich total super. Aber irgendwie hatte sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Nicht so vorgezeichnet. So absehbar. Aber undenkbar, das ihrem Vater zu sagen. Der würde ausrasten. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.Der Trauspruch. Der Pastor ist bei der Ansprache an­gekommen. „Strukturen, die Furcht einflößen, die sind nicht von Gott.“ Sagt er. Ihre Gedanken schweifen ab. Strukturen, die Furcht einflößen… Sie musste es ihrem Vater sagen.

Der See liegt friedlich da. Die Sonne verwandelt ihn in einen glitzernden Teppich. Jetzt, am Morgen, ist er am liebsten hier unterwegs. Alles noch so still und unberührt. Ein Entenpaar marschiert über den Weg, im Schlepptau die Jungen. Er läuft an ihnen vorbei. Langsam kommt er auf Betriebstem­peratur. Spürt, wie Laufrhythmus und Atmung zusammenfinden. Gedan­ken kommen und gehen. Er fühlt sich schwerelos. Frei. Eins mit sich und seiner Umwelt. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmt ihn. Runner’s High, Läuferhoch. Nennt man das. Hat er mal irgendwo gelesen. Aber könnte es nicht auch sein, dass sich hier ein anderer zu Wort meldet? Kontakt mit ihm aufnimmt?

Wo ist er hin? Auf und davon? Was steht ihr da und seht zum Himmel? Er ist mitten unter euch! Ihr müsst ihn nur entdecken!

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 20. Mai 2020

Andacht für den 20. Mai 2020 (Götz Brakel)

Psalm 31 (V2-6,8-9,16a, Lutherbibel 2017, auch im EG 716)

HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!
Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.
Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.
In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!  Meine Zeit steht in deinen Händen.

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Shutdown – Heruntergefahren. Wir haben das jetzt schon seit gut neun Wochen durchgestanden und das Leben heruntergefahren. In den ersten Wochen war kaum etwas möglich: Zu Haus bleiben bis auf Einkaufen, Spazierengehen, Arztbesuche und ein bisschen Unterwegssein mit dem Rad oder dem Auto. Draußen durften wir auf Abstand nur eine Person treffen, die nicht in unserem Haushalt wohnt. Nun geht wieder mehr: Gottesdienste, die Restaurants dürfen öffnen, und wir hoffen auf Sommerurlaub.

Diese Wochen bedeuteten immer zu Hause zu sein, für viele Homeoffice, Videokonferenzen und Gespräche nur am Telefon. Besuch von außen haben wir nicht gesehen, wir waren unter uns in der Familie oder eben alleine. Stattdessen haben wir die eigenen Wände angeschaut, haben aus dem Fenster geguckt und diverse Bildschirme betrachtet. Leben heruntergefahren bis fast auf den Nullpunkt. Die Gründe dafür kennen wir, und unsere Disziplin hat wohl auch Menschen das Leben gerettet.

Als Pastor in Stade hatte ich am Schreibtisch zu tun: Ich stelle derzeit ein Journal unseres Kirchenkreises zusammen, schreibe Andachten, die wir per Mail versenden, telefoniere mit Konfirmanden und Konfirmandinnen und rede mit ihnen über ihren Konfirmationsspruch und und und. Weniger als sonst, aber immerhin hatte ich Aufgaben. Aber trotzdem spürte ich Leere, und zwischendurch habe ich das heruntergefahrene Leben kaum ausgehalten. Jeden Tag musste ich ein bisschen ausgebrochen und wollte Leben sehen: Bäume, Tiere, Himmel und Menschen aus Fleisch und Blut. Ich bin viel häufiger als sonst einkaufen gewesen und bin mit dem Rad herumgefahren, um die Stadt und die nähere Umgebung zu erkunden.

Zu Ostern und bis zum 8. Mai hat der Landkreis Stade dann sogar noch die großen Elbstrände gesperrt, um den Tourismus aus Hamburg auszusperren. Schon zu normalen Zeiten bin ich mindestens einmal in der Woche an der Elbe, um den Blick über das Wasser zu genießen. Nach Ostern zu Hause brauchte das, habe mich in das Auto gesetzt und bin achtzig Kilometer an die Nordsee gefahren. Nahe an Cuxhaven, im Wurstener Land, kann man an einigen Stellen über den Deich fahren und ist dann direkt am Wattenmeer, so auch in Cappel-Neufeld. Am Strand gibt es einen kleinen Hafen mit ein paar Fischerbooten, einen Spielplatz, der natürlich geschlossen war, und es gibt den weiten Blick aufs Wasser. Als ich angekommen war, habe ich erst einmal tief durchgeatmet. Frische Luft für Lunge und Seele (s. Bild).

Als ich auf das Wattenmeer geguckt habe, ist mir eine Passage aus einem Buch in den Sinn gekommen, das mich einmal sehr beeindruckt hat: Als ich Mitte Zwanzig war, …, hatte ich eine Stellung als »Experte« für moderne Malerei in einer bekannten Auktionsfirma. Wir hatten Verkaufsräume in London und New York. Ich war einer von den cleveren jungen Leuten. Es hieß, ich hätte eine große Karriere vor mir, wenn ich meine Trümpfe nur richtig ausspielen würde. Eines Morgens wachte ich auf und war blind. Im Laufe des Tages konnte ich auf dem linken Auge wieder sehen, aber das rechte blieb trüb und umwölkt. Der Augenarzt, der mich untersuchte, sagte, organisch sei alles in Ordnung, und diagnostizierte die Ursache des Übels. »Sie haben Bilder aus allzu großer Nähe betrachtet«, sagte er. »Warum tauschen Sie sie nicht gegen ein paar weite Horizonte?« (Bruce Chatwin: Traumpfade, 1992, S. 36)

Shutdown, in den vergangenen Wochen gab es so viel Bilder nur noch aus nächster Nähe. Hier hatte ich nun die weiten Horizonte. Dazu ein kleiner Bagger, eine alte Lok mit Birkenästen auf dem Anhänger, die später sie zur Orientierung in den Wattboden gesteckt werden. Es war auch diese kleine Familie da, die wie ich auf das Meer und die untergehende Sonne guckte. Hier war Leben und Durchatmen. Hier war Weite nach all den Wänden und Bildschirmen, die ich in den letzten Wochen angestarrt habe.

Der 31. Psalm spricht diese Sehnsucht nach Weite an: Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Unser Leben mag heruntergefahren sein, es gibt den weiten Raum. Wir können tauschen. Statt der vielen Bilder, die wir aus allzu großer Nähe betrachtet haben und die uns den Blick trüben, gibt es die weite Perspektive. Wir sehen das Meer, können auch noch hochgucken und haben den weiten Blick in den Himmel.

In den Himmel zu blicken geht nicht nur an der Nordsee, das geht sogar auf dem Balkon oder vom Küchenfenster aus.

Ich hoffe, dass Lockerungen nicht wieder die Lage verschlechtern und es nun dabeibleibt, so dass wir wieder kleine Schritte in die Welt hinein unternehmen dürfen. Der Psalm spricht dieses Bedürfnis an: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Aber mit unserem Glauben bekennen wir sogar noch mehr. Es gibt auch Situationen in unserem Leben, da kommen wir nicht mehr auf die Beine, können vielleicht sogar den Blick nicht mehr heben, und alle Fenster, durch die wir gucken könnten, sind verdunkelt. Leben heruntergefahren bis ganz Unten. Heruntergefahren – im Glaubensbekenntnis, das wir in unseren Gottesdiensten sprechen, bekennen wir die Hoffnung, dass wir dort nicht allein gelassen sind. Jesus ist dahingegangen, wo es nur noch Dunkelheit herrscht: „… hinabgestiegen in das Reich des Todes, …“

In der Bibel ist von diesem Herunterfahren Jesu im engeren Sinne nirgendwo die Rede, aber die frühe Christenheit hat diese Verse so gedeutet: „Christus ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, … (1. Petrus 3,18b.19). Jesus fährt herunter dahin, wo es nur noch eng, tief und dunkel ist. Das ist eine weite Perspektive und eine große Hoffnung, die wir haben.

Shutdown, das Leben um herum wird allmälich wieder hochgefahren. Aber in unserem Leben wird sicherlich auch mal wieder Situationen gehen, wo es bergab geht und sich verfinstert. Halten wir uns an den Satz aus dem 31. Psalm: Meine Zeit steht in deinen Händen. Amen.

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Die Musik, in der ich wie kaum in einer anderen Weite spüre, ist das Adagio for Strings von Samuel Barber.

Hier ist es zu hören: https://youtu.be/izQsgE0L450

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Gebet am Morgen:

Gott,
die Stille des Morgens umfängt mich
der Frieden einer sorglosen Nacht klingt nach in mir
Bleibe bei mir, wenn es nun Tag wird,
bleibe bei mir, auch wenn meine Seele unruhig wird,
bleibe bei mir, auch wenn ich kämpfen muss,
bleibe bei mir, auch wenn ich enttäusche.
Sei du das Licht meiner Wege,
der gute Klang meiner Seele,
dass ich frei bleibe in dir und neugierig bin auf diesen neuen Tag. Amen.

 

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 13. Mai 2020

Freunde: Himmel auf Erden. Mittwochsgedanken von Anne Dill

(Audiodatei:)

Kindergarten, erster Tag:
Ich steh am Fenster 
Und schau hinaus,
Hinter mir fremde Gesichter, 
Gespenster,
Um mich herum Radau.
 
Doch dann kommst Du 
Und nimmst meine Hand,
Ein Stück Himmel auf Erden
Und so fing es an.
 
Das Zimmer ist dunkel,
Ich ohnmächtig vor Zorn,
Boxe ins Kissen,
Will wissen:
Hat er kein Gewissen?
Das war fies und gemein!
Doch ich hab‘ Glück und bin nicht allein.
 
Denn Du bist da
Und nimmst meine Hand,
Ein Stück Himmel auf Erden
Und die Wut ist verbrannt.
 
Examen bestanden,
Es ist geschafft.
Ich komme nach Hause,
Hab kaum noch Kraft.
Schaue nach oben
An meiner Tür ein Ballon
Und das Treppenhaus wird Tanzsalon.
 
Denn ihr seid da 
Und nehmt meine Hand.
Himmel auf Erden,
Vor Freude Atembeschwerden,
Zwischen uns ein unsichtbares Band,
Auch Freundschaft genannt.
 
Als Geschenk ein Picknick am See,
Ein Bad im Meer morgens um sieben,
Drei Stunden verquatscht mit Tee,
Man muss Euch einfach lieben!
 
Gott, Du warst da
All die Male und nahmst meine Hand.
Freunde – ein Stück vom Himmel auf Erden,
Gott, Dir sei Dank!

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 06. Mai 2020

‚Systemrelevant‘ ist eines der Worte, wenn nicht das Wort der Stunde. Daran, ob und wie systemrelevant eine Tätigkeit oder ein Beruf ist, hing in den letzten Wochen, ob ein Geschäft geöffnet bleiben durfte oder eine Arbeit weiter zu erledigen war und den Kindern allen Schließungen zum Trotz eine Notbetreuung in der KiTa zustand. Das ändert sich im Moment langsam wieder, zum Glück. Das Leben ist mehr als das, was für das Leben des Staates zweifelsohne eine volkswirtschaftlich und infrastrukturell bedeutende Rolle spielt. Bildung und Kultur, Freizeit und Sport, ja auch Urlaub und Shopping, Feste und nicht zuletzt gemeinsam Gottesdienst feiern machen das Leben – in aller gebotenen Vorsicht noch – erst lebenswert.

Trotzdem war und ist es gut, dass so auch einmal Licht auf Krankenschwestern und Altenpfleger, auf Müllwerker und Kassiererinnen, auf Erntehelferinnen und LKW-Fahrer fällt; Berufe, die sonst nicht im Rampenlicht stehen, unserer Gesellschaft aber den hohen Lebensstandard und die Sicherheit des Zusammenlebens erst ermöglichen. Hoffentlich wird das im Respekt und in der Bezahlung nicht nach dem Abflauen der Krise wieder vergessen!

Um etwas, was ‚systemrelevant‘ für den Glauben, für den ganz persönlichen Glauben ist, geht es im Evangelium für den Sonntag Jubilate:

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,1.4.5)

Die Bibel kennt starke Bilder. Jesus nutzt hier das einleuchtende Bild der engen Verbindung von Weinstock und Reben, von Frucht und Lebensströmen. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“: Wie die Reben auf den Weinstock angewiesen sind, so bekommen seine Jünger, so bekommt seine Gemeinde die Lebenskraft von ihm. Nur aus dieser Verbindung heraus wachsen und reifen Früchte.

‚Systemrelevant‘ ist es. Natürlich ist christliches Leben mehr als das. Was wäre es, was wäre diese Welt, wenn wir nicht selbst zu packten? nicht auch selbst für einander da wären? nicht selbst Verantwortung übernähmen? nicht uns am Leben freuten und miteinander feiern würden (irgendwann, wenn es wieder unbefangen geht)?

Aber wie die Reben den Weinstock brauchen, so brauchen wir Jesus Christus. Ihn, der uns mit seinem Leben und Sterben und Auferstehen der Liebe Gottes gewiss macht. Wie schnell vergessen wir das unter dem, was wir tun oder tun müssten oder zu tun unterlassen haben! Und vergessen dann Gott und den Nächsten und uns selbst zu lieben.

Denn Liebe kann nur aus empfangener Liebe fließen. Deswegen lasst uns an Jesus bleiben.

Bleiben Sie behütet!

Pastor Peter Borcholt

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 29. April 2020

Audio-Andacht:

"Humanity must be in humans"


Marokko - Einmal (nur) hin und zurück.

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 22. April 2020

„Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde und nehmt sie in Besitz! Ich setze euch über die Fische im Meer, die Vögel in der Luft und alle Tiere, die auf der Erde leben, und vertraue sie eurer Fürsorge an.« (Gen 1,28)


Dieser Vers aus dem 1. Schöpfungsbericht gehört zu den bekanntesten und am häufigsten zitierten Versen des Alten Testaments. Neben dem Mehrungsauftrag beinhaltet er den sog. Herrschaftsauftrag. Damit ist die Beauftragung an den Menschen gemeint, die Erde ‚in Besitz zu nehmen‘, das heißt: über sie – verantwortlich! – zu herrschen.

Immer wieder wurde und wird dieser Vers dazu herangezogen, um eine absolute Herrschaft des Menschen über die ihn umgebende Welt zu begründen. Nicht selten geschieht diese absolute Herrschaft ohne Rücksicht auf die Welt selbst, d.h. auf die Natur und die nicht-menschlichen Lebewesen, für die sie ebenso den Lebensraum darstellt, wie für den Menschen. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten ist demgegenüber das Bewusstsein dafür gewachsen, dass der Herrschaftsauftrag des Menschen nur dann in seiner tieferen Bedeutung verstanden ist, wenn er den Menschen zu einer verantwortungsvollen Herrschaft mit der ihm anvertrauten Welt anleitet.

Manch einer mag darin eine Beschränkung der menschlichen Freiheit sehen. Wenn der Mensch zum Herrscher über die Welt bestellt ist, wieso sollte diese Herrschaft dann hinterrücks wieder eingeschränkt werden? Wenn der Mensch nicht über eine absolute Freiheit verfügt, so mag ihm die vorhandene Freiheit nur wie ein bloßer ‚Spielraum‘ erscheinen, innerhalb dessen er zwar frei entscheiden kann, der aber nur einen kleinen Teil der überhaupt möglichen Freiheit abdeckt.
Diesem Gedanken wohnt allerdings ein problematisches Verständnis des Menschen und seiner ihm schöpfungsgemäß zukommenden Freiheit inne. Der Mensch ist nicht allein dadurch Mensch, dass er sich der Welt gegenüber frei und von ihr unabhängig verhalten kann. Seine eigentliche Freiheit besteht darin, innerhalb der Ordnungen und Gefüge der Welt das Wort Gottes hören zu können und sich zu diesem zu verhalten. Im Hören auf das Wort Gottes begegnet dem Menschen Gott als dasjenige Gegenüber, im dem der Mensch sich selbst als Person völlig und unmittelbar erschlossen wird. Darin erst – in der Freiheit des Menschen als eines von Gott Angesprochenen – erschließt sich das eigentliche Verständnis der menschlichen Freiheit.

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 15. April 2020

Geschichten zum Festhalten

Zwei Wochen hat sie ihrem Buchladen gegeben, als sie ihn Mitte März geschlossen hat. Zwei Wochen, was sonst, ohne Rücklagen? Sie wusste nicht, wie sie ihre zwei Mitarbeiterinnen zahlen sollte. Was ihr in diesen Tagen noch nicht so klar war, dass die Welt gerade auch in Corona-Zeiten erträglicher wird, wenn man ihr für ein paar Seiten entfliehen kann: Wann sonst wollen Menschen Geschichten hören oder lesen, wenn nicht jetzt?!

Immer wieder klingelt das Telefon, obgleich ihr Laden geschlossen ist. Die Menschen wollten reden über ihre neue Lebenssituation, ja, und dann natürlich auch Bücher bestellen. Die einen wünschen sich von Albert Camus „Die Pest“, um die gegenwärtige Situation auf einer tieferen, philosophischen Ebene zu verstehen. Eine andere Kundin bestellt Krimis von Patricia Highsmith, gleich drei auf einen Schlag. Wieder andere wünschen sich einen Roman mit Happy End und viel Gefühl. Es ist immer eine Frage des Timings. Wie froh wäre man jetzt über ein wirkliches Happy End?!

Wenn die Bücherstapel geschnürt und die Rechnungen geschrieben sind, stopft der Sohn der Buchhändlerin aus München sie in seinen Rucksack und schwingt sich aufs Fahrrad. So finden die Geschichten ihren Weg zu den Menschen.

Ja, Geschichten zum Festhalten, die haben jetzt Hochkonjunktur. Und manchmal sind es gerade die alten Geschichten, die uns neu begegnen und neu zu uns sprechen – auch die aus der Bibel.

Eine dieser alten Geschichten steht am kommenden Sonntag im Mittelpunkt. „Die Freunde Jesu aber waren versammelt und die Türen waren verschlossen aus Furcht…“ So beginnt der Evangelist Johannes (Kapitel 20 Verse 19-29) eine seiner Ostergeschichten. Ängstlich und sorgenvoll sitzen sie zusammen. „Was soll aus uns werden?“, so werden sie sich gefragt haben. „Wie geht es weiter? Was sollen wir tun? Woran können wir (noch) glauben?“

Viele haben in diesem Jahr das Gefühl, ein ganz anderes Ostern gefeiert zu haben. Es fand hinter verschlossenen Türen statt. Zu Hause. Im engsten Familienkreis oder sogar alleine. Die Kirchentüren blieben verschlossen, zumindest für das gemeinsame Tischabendmahl am Gründonnerstag oder die Osternacht, in der man der aufgehenden Sonne entgegen singt.

Und zugleich wachsen die Sorgen um den alten Vater im Heim, den niemand besuchen darf, um den Arbeitsplatz oder die Finanzierung der eigenen vier Wände, die Sorge um den Schulabschluss oder das Prüfungssemester. Und einigen fällt schlicht die Decke auf den Kopf.

Eigenartig. Bei näheren Lesen wird auf einmal deutlich: So sehr hat sich das Osterfest in diesem Jahr gar nicht unterscheiden von den Erfahrungen an diesem ersten Abend nach der Auferstehung, von der Johanes erzählt. So wie immer wieder Menschen feststellen, dass sie durch die gegenwärtigen Erfahrungen auf einmal einen ganz anderen, tieferen Zugang zu den Geschichten der Bibel bekommen.

Geschichten zum Festhalten: Jesus kommt in die Runde hinter den verschlossenen Türen. Er verwandelt Einsamkeit, Sorgen und Schmerzen in einen Neuanfang. Verwandelt Enge in Weite.

Ihnen und Euch wünsche ich eine gesegnete Osterzeit!

Susanne Kruse-Joos

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 08. April 2020

"He may hold you in the palm of his hand"

In der vergangenen Woche ist mir der Psalm 91 zugesprochen worden. Mich rührt an, wie der Psalmist das reale Unheil weder klein redet noch ignoriert, in dessen Angesicht er blickt. Und dass er nicht trotzdem, sondern gleichzeitig Stärkung findet. Die Bedrohung ist real, die Krankheit ist real, das Leid ist real. Doch der, bei dem der Psalmist Zuflucht findet, ist es auch – auch er ist real. Wie sehr sprechen diese Zeilen das Erleben Vieler in diesen Tagen!

 "Ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.” (Ps 91,15b LUT)

Das Musikerduo Shane & Shane aus Dallas (Texas) hat die Zeilen des 91. Psalms vor einigen Jahren vertont (s. Video oben).

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 01. April 2020

ein semikolon PNG Entworfen von Jason aus <a href="https://pngtree.com/">Pngtree.com</a>


Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde geplagt. PS 116,10

Überall auf der Welt lassen sich Menschen finden, die sich ein Semikolon unter die Haut tätowieren haben lassen. „Das Semikolon wird genutzt, wenn ein Autor seinen Satz eigentlich hätte beenden können, aber gewählt hat, es nicht zu tun.“ Es ist ein Mantra, Durchzuhalten, eine Erinnerung an überstandene Kämpfe, ein Zeichen von Solidarität. „Der Autor bist du und der Satz ist dein Leben“, erklärt das Semicolon Project, das Menschen helfen will, die mit negativen und zerstörerischen Emotionen kämpfen. Auf der Homepage finden sich Hilfsangebote und Informationen für Suizidprävention und psychische Gesundheit. „Deine Geschichte ist nicht vorbei“ heißt es dort. Ein Semikolon als Tattoo oder Kettenanhänger rettet keine Leben, aber es kann helfen; manchen hilft es Mut zu fassen, manchen hilft es Ansprechpartner zu finden, manchen hilft es mit dem öffentlichen Schweigen zu brechen. Kunstvoll wird das Semikolon in Wörter wie L;ebe und L;cht eingezeichnet oder in das englische bel;eve - ich glaube. Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde geplagt. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein – so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.“ (Ps 139)

EG 361, Befiehl du deine Wege

Bildnachweis: ein-semikolon png from pngtree.com

„Aufgewacht und angedacht“ am Mittwoch, den 25. März 2020

„Sicherheitshinweis! Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!“ Wie oft habe ich diese Durchsage auf Bahnhöfen gehört und dann ist es mir doch passiert: Ich bin unterwegs nach Berlin zu einem großen Geburtstagsfest. Auf dem Bahnhof kaufe ich ein paar Blumen für die Freundin, bei der ich übernachten will. Fürs Bezahlen stelle ich kurz meine Reisetasche ab, und als ich wieder danach greifen will, ist sie weg. „Nee, das kann jetzt nicht sein!“, schießt es mir durch den Kopf. „Da hat bestimmt nur jemand das Gepäck verwechselt!“ Aber die Umstehenden, die ich anspreche, zucken nur unbeteiligt mit den Schultern. Langsam sickert es durch: Die Tasche ist wirklich weg! In Gedanken gehe ich durch, worauf ich nun verzichten muss: Mein Lieblingskleid. Die neuen Schuhe. Das Geburtstagsgeschenk, das ich selbst gemacht hatte… Es kommt Einiges zusammen. Wütend und ärgerlich über mich selbst, setze ich alles dran, die Tasche wiederzubekommen. Rede mit dem Mann am Infoschalter. Gehe zur Bahnhofspolizei und gebe eine Verlustanzeige auf. Doch irgendwann beschließe ich, das Ganze anders zu sehen und mich auf die ungeplante Situation einzulassen. Zum Glück erspart die Freundin, bei der ich zu Gast bin, mir Spott und dumme Sprüche und öffnet stattdessen ihren Kleiderschrank: „Hier, ich habe genug. Such‘ dir aus, was du brauchst!“ Es wird eine kleine Kleidertauschparty und dankbar nehme ich an, was sie mir aushilfsweise zur Verfügung stellt.

Eine Ausnahmensituation von viel größerem Ausmaß durchleben wir in diesen Wochen. Eine Passionszeit der besonderen Art. Auch wenn man nichts sieht und den meisten nichts fehlt: Die Lage ist bedrückend und wird es wohl noch eine ganze Weile bleiben. Verzichten müssen wir dabei auf Dinge, die wesentlicher sind, als der Inhalt eines Koffers. Wie lange soll das gehen?! Und trotzdem zeigt sich auch unter - gerade jetzt – die Fähigkeit sich einzulassen auf diese neue Wirklichkeit; kreative Kräfte und Mitgefühl helfen uns dabei: Flashmob mit Applaus und Gesang am offenen Fenster für alle, die pflegen. Freie Krankenhausbetten in Leipzig für Corona-Patient*innen aus Italien. Du selbst lernst, eine Videokonferenz zu machen. Kochst mittags wieder selbst - geht ja, weil du zuhause arbeitest. Du telefonierst endlich mit dem Großvater im Heim. Deine Ängste kannst du dir angucken, dafür ist jetzt Zeit. Du sehnst dich nach deinem Alltag – hättest du das gedacht?

Das alles mitten in der Passionszeit. Der Sonntag, mit dem diese Woche begann, hat den Namen: Lätare – Freut euch! Das kleine Osterfest mitten in der Passion, so wird er oft genannt. Ein kleines Ostern – mittendrin in allem Schamassel, der uns zu schaffen macht. Aufatmen. Aufbrechen. Klarkriegen, was jetzt zu tun ist: Ein schönes Bild um zu fassen, was wir erleben.

Bleibt behütet und bewahrt!
Eure Susanne Kruse-Joost

Gebet

Gnädiger Gott, ich sehne mich nach Normalität.
Nach einem Handschlag, einer Umarmung, einer Berührung.
Lass mich nicht zu lang warten, Gott, hörst Du? Danke.  –
Gott, ich trau mich kaum, es zu sagen.
Aber ich bin auch froh, dass es so anders ist jetzt.
Das Leben fühlt sich friedlicher an als sonst: Freundlicher, langsamer, weniger hektisch.
Für diese Erfahrung danke ich Dir. Und ich bitte dich: Hilf mir dabei,
in meinem Herzen zu bewahren, was ich neu sehen lerne in diesen Tagen. Amen.
(Pastor Johannes Ahrens, Flensburg)

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Susanne Kruse-Joost
Tel.: 0551 49990-32
Mobil: 01775694238

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